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André Weibel im Gespräch mit Jean-Paul Bach


André Weibel ist Ansichtskartenhändler und Herausgeber der Zeitschrift «Ansichtskarten». Er ist Auktionator in der Leitung der ArGe Ansichtskarten www.arge-ak.ch.
André Weibel est marchand de cartes postales et éditeur du magazine « Ansichtskarten ». Il fait partie de la direction de www.arge-ak.ch.


«Wir mussten in der Schule Briefmarken aus alten Ansichtskarten ausschneiden!»

Jean-Paul Bach: Wie und wann war deine erste Begegnung mit den Ansichtskarten?

André Weibel: Es war in der 2. Primarklasse, als unser Lehrer alte Ansichtskarten an die Schüler verteilte. Wir mussten die Briefmarken mit einer Schere, mit möglichst wenig Abstand zur Marke, ausschneiden. Aus heutiger Sicht eine sehr schmerzhafte Erinnerung. Vielleicht aber auch einer der Gründe, weshalb ich heute – nach bald über 70-jähriger Sammelleidenschaft – jeder Ansichtskarte (AK) meine volle Aufmerksamkeit schenke! Selbst jenen AKs, welchen diese Misshandlungen zugefügt wurden. Ich besitze eine diesbezügliche Sammlung mit einigen 100 Exemplaren.
Es war mein Vater, der in mir die Freude an alten Sachen entfachte, und es begann für mich eine Zeit des Sammelns. Von der Briefmarke bis zum Oldtimer! Altes bedrucktes Papier im Besondern hat es mir angetan und ist zu meinem Lebenselixier geworden. Dadurch entstanden viele «Altpapier Sammlungen» die zurzeit noch an verschiedenen Orten untergebracht sind und in den nächsten Jahren ein «Zuhause» suchen, damit das Kulturgut erhalten bleibt und weitergeführt wird.

Wie erklärst du Dritten die Faszination, Ansichtskarten zu sammeln?
Altes bedrucktes Papier fand ich immer etwas Schönes. Dabei wollte ich aber auch erfahren, wie die verschiedenen Druckarten gefertigt wurden. Dies erwies sich aber nicht einfach, da die entsprechende alte Fachliteratur schwer zu finden und oft auch teuer ist.
Es war das Geschenk meiner Gotte – drei alte Alben mit Ansichtskarten – welches die Sammelleidenschaft für die AKs ausgelöst hatte. Insbesondere, weil ich diese Karten mit den jeweiligen Texten zu lesen begann. Viele AKs mit den alten oder unleserlichen Schriften waren nicht einfach zu lesen. Je nach Abbildung auf der AK, egal ob Motiv oder Ortschaft, hat bei mir den Wissensdrang zur Auflösung der entsprechenden Geschichte entfacht. Dies ist meine hauptsächliche Motivation des Kartensammelns. Es sind die beiden Seiten einer AK, die zusammen die tollsten Geschichten preisgeben und durch die Abbildung und den Text über die Weltgeschichte der letzten 150 Jahre informieren.
Hier, lieber Jean-Paul, erläutere ich dir einige Beispiele aus meinen Einkäufen am «Tag der Briefmarke» in Döttingen von Ende November 2025:
-AK von Genf: Seltene Stahlstich-AK, gestochen von Franz Rorich, Nürnberg, aus dem Verlag J. H. Locher in Zürich. Sie war mit CHF 14 für mich ein «Schnäppli».
-Bündner-Post: Die Abbildung der Postkutsche im Lichtdruck ist mehrfach bei mir an Lager. Diese AK ist jedoch auf dem Postweg nach Manila auf den Philippinen versandt worden! Für nur CHF 15 «Schnäppchen Nr. 2».
-Zwei Künstler-AKs: Unsignierte Karten von Raphael Kirchner, am 5. Mai 1875 in Wien geboren, leider bildseitig beschrieben, was bei Künstlerkarten preismindernd wirkt. Für nur CHF 4 pro Stück gelten sie dennoch als «Schnäppli Nr. 3 und 4».
-Und das «Schnäppli Nr. 5» ist die teils von Hand kolorierte Lichtdruck-AK vom Eiffelturm, anlässlich der Ausstellung «Arts Décoratifs 1925» in Paris. Diese AK ist mit Lichteffekten und der Reklame der Automarke Citroën im Speziellen beleuchtet. Einer meiner Glücksfunde aus der Einfrankenschachtel!

Du verkaufst auch Ansichtskarten. Wo und wann kann man dein Angebot anschauen?

Im Sammlerladen an der Hauptstrasse 103 in 4415 Lausen. Jeweils Dienstag und Freitag von 14.00 bis 18.00 Uhr oder nach Vereinbarung. Ein allgemeines, nach Ortschaften und Motiven geordnetes Angebot ist im Laden zu besichtigen. Für seltene Objekte ist eine Voranmeldung mit entsprechend genannten Orten bzw. Motiven unumgänglich.

Gibt es junge Sammler?

Leider sind mir im Laden noch keine erschienen, und da ich keine Börsen mehr veranstalte, auch keine bekannt. Wobei, lieber Jean-Paul, definiere mir jung?

Wie erreicht man neue Sammler?

Sehr gute Frage! Hier ist ein guter Platz, um den Titel meiner Zeitschrift, die seit 2022 erscheint, in Erinnerung zu bringen (Abb. S. 48 unten).

Erzähle über deine Publikation.

Mit meiner Fachzeitschrift «Ansichtskarten» versuche ich, die Faszination, welche in den Motiv- und Ansichtskarten verborgen ist, dem Betrachter näher zu bringen. Es würde mich riesig freuen, hiermit auch eine Begeisterung zu initiieren, die mit einer nachhaltigen Wirkung belohnt wird. Denn wir Sammlerinnen und Sammler verschwenden keine Ressourcen, pflegen und bewahren ein wichtiges Kulturgut und müssen das Wort «nachhaltig» nicht hervorheben, denn wir sind und tun es.

Hat das Sammeln von Ansichtskarten eine Zukunft?

Unbedingt! Jedoch müsste die Menschheit die nächsten 100 Jahre überleben. Dann wäre die Ansichtskarte der beste Beweis und die mannigfaltigste Dokumentation der letzten 200 Jahre!

Sollen Sammler ihre Schätze nicht öfters ausstellen, zum Beispiel zusammen mit den Philatelisten?

Ja, aber man müsste sich fragen, mit welcher Motivation dies zu erreichen ist? Dass eine Ausstellerin, ein Aussteller dafür noch bezahlen muss, ist mir unverständlich. Das Gegenteil müsste Einzug halten, und eine entsprechende Wertschätzung sollte bzw. muss entschädigt werden.

Dein Lieblingsstück?

Unmöglich, mich an dieser Stelle auf nur eines zu beschränken! In jeder meiner Sammlungen sind einige Objekte, die diesen Begriff verdienen. AKs vom Gründer der «AK-Geschichte Schweiz», Fritz Oesch, gebürtig in Saanen BE, steht selbstredend in der ersten Reihe der Lieblingsstücke, wie auch einer der Erfinder der Karten, Dr. Emanuel Herrmann, anno 1839 in Klagenfurt geboren. Im Jahre 1894 hatte er einige 100 «Jubiläumskarten» zur Erinnerung an die vor 25 Jahren von Österreich erfundene Correspondenz-Karte mit seiner Unterschrift gekennzeichnet. Natürlich gehören unzählige Unikate von namhaften Berühmtheiten und Künstlern ebenso in die Rubrik der Lieblingsstücke.

Deine Vision?

Personen zu finden, um zusammen den grossen «Altpapierberg» zu bewahren und als öffentliches Archiv|Museum|Verein oder was auch immer weiter zu betreiben!


Fünf Schnäppchen, die André Weibel an der DÖBRA 2025 erworben hat.

Cinq bonnes affaires réalisées par André Weibel lors de la Döbra 2025.