Die Camellia-PLC-Briefmarkensammlungen
Teil 1: Afghanistans klassische Ausgaben.
Die Geschichte grosser Briefmarkensammlungen ist selten nur eine Geschichte von Postwertzeichen. Sie ist eine Erzählung von der Erhaltung von Werten, von historischem Bewusstsein und dem Willen, kulturelle Zeugnisse für kommende Generationen zu bewahren.
Die philatelistische Sammlung von Camellia PLC, einem internationalen Konzern mit Schwerpunkt in der Teeproduktion, steht exemplarisch für diese Verbindung. Während Tee und landwirtschaftliche Produkte das klassische Unternehmensportfolio prägten, entschied die Firmenleitung früh, durch alternative Wertanlagen zu diversifizieren. Diese Strategie führte weit über klassische Investitionswege hinaus. Kunst, Antiquitäten, Dokumente und schliesslich Philatelie und Postgeschichte wurden zu essenziellen Bestandteilen der Sammlungen, die über monetäre Aspekte hinaus zugleich Kulturgeschichte dokumentieren.
Heute gehören diese Kollektionen – dank des gezielten, von erfahrenen Kuratoren begleiteten Aufbaus – zu den aussergewöhnlichsten philatelistischen Sammlungen ihrer Art. Von Beginn an war klar, dass diese eines Tages in den Markt zurückkehren würden. Viele Stücke fanden ihren Weg ursprünglich über Corinphila-Auktionen zu Camellia – nun gelangen sie gleichermassen auf diesem Weg in die philatelistische Öffentlichkeit zurück. Was einst aufgebaut und über Jahrzehnte bewahrt wurde, wechselt in die Hände einer neuen Sammlergeneration. Und so schliesst sich ein Kreis.
Eine aussergewöhnliche Sammlung
Erster Anglo-Afghanischer Krieg, Rückeroberung Kabuls, 13. Nov. 1842. Markenloser Faltbrief aus der «Riddell-Korrespondenz» mit klarem Negativstempel «AFGHANISTAN | Bearing» in Braun und handschriftlichem Vermerk «14 November 5 as.», rückseitig zudem sauberer «FEROZEPORE |
Bearing»-Stempel in Schwarz. Der Brief enthält eine militärische Nachricht zur geplanten Hinrichtung eines Subadars der 27th Native Infantry.
Afghanistan 1872|1873 (Datum 1289), 6 Shahi rötlich-purpur auf Brief von Peshawar über Khulm/Tashkurgan nach Buchara (Usbekistan). Die Entwertung erfolgte mit kopfstehendem Intaglio-Siegelstempel Peshawar in öligem Schwarz. Der Brief war bis zur Grenze freigemacht und wurde anschliessend durch Karawanenverkehr befördert.
Rekonstruierte Einheit von vier ungestempelten Marken auf gelblichweichem Büttenpapier: 1 Rupie (rötlich-purpur) als waagrechtes Paar (Pos. 1–2) sowie 6 Shahi (½ Rupie) als einzigartiges waagrechtes Paar (Pos. 3–4). Nur sechs ungebrauchte Paare der 1-Rupie-Wertstufe sind registriert (eins im Tapling-Bestand), das 6-Shahi-Paar ist eines von lediglich zwei bekannten – das einzige in Privatbesitz.
Ein erster Höhepunkt der beeindruckenden Sammlungsvielfalt der Camellia-Kollektion wird mit einer Auswahl der frühen Markenausgaben und Postgeschichte Afghanistans präsentiert. Wenn man die alten Kataloge aufschlägt, liest man häufig als Erstjahreszahl 1871 – oder 1288,gemäss der Datierung in Dari. Doch diese schlichte Jahreszahl markiert weit mehr als den postalischen Beginn eines Landes: Sie eröffnet eine Epoche, in der Afghanistan seine ersten Schritte in Richtung moderner Kommunikation unternahm. Gleichzeitig war dieses Gebiet 1871 noch kein national geeinter Staat, sondern politisch wie territorial im Entstehen begriffen. Streng genommen war es damals das Königreich Kabul, wie es auch die Kataloge von Stanley Gibbons und Scott historisch korrekt ausweisen.
Diese frühen Marken aus Kabul sind heute nicht nur von philatelistischer Bedeutung – sie sind sichtbare Zeugnisse eines Landes zwischen Selbstbehauptung, Modernisierung und geopolitischen Grossmachtinteressen. Grossbritannien und Russland stritten im 19. Jahrhundert um Einfluss im Hochland Afghanistans. Drei Kriege (1839– 1842, 1878–1880 und 1919) bildeten eine gewaltsame Kulisse. Entsprechend sind Militärpost und Feldpostbelege dieser Konfliktphasen von höchster Sammlungsrelevanz und bilden einen Schwerpunkt in der Camellia-Auktion, die nun erstmals umfassend öffentlich zugänglich wird.
Der Weg zu einem modernen Postsystem
Die Entwicklung Afghanistans zu einem postalisch vernetzten Staat ist eng verbunden mit Amir Sher Ali (1823–1879). Seine Regierungszeit ab 1863 markiert den Übergang von einem reinen Kurierwesen hin zu einem strukturierten Postsystem. Historische Quellen belegen, dass seit etwa 1750 Kuriere für Regierung und Handel unterwegs waren. Aus dieser Zeit sind kaum Belegstücke erhalten geblieben.
Allgemein sind markenlose Briefe von der Vorphilatelie bis zur Klassik heute ausserordentlich rar. Gerade einmal zwölf Briefe ohne Marken sind zwischen 1869 und 1883 verzeichnet. Zwei der frühesten Stücke – private Kuriersendungen von Lapura nach Peshawar – werden im Rahmen der Camellia-Versteigerung angeboten.
Nach einer diplomatischen Reise nach Indien im Jahr 1869 zeigte sich Sher Ali beeindruckt vom britisch-indischen Postwesen. Bald darauf liess er eine Druckpresse samt geschultem Personal nach Kabul bringen und begann mit dem Aufbau eines postalischen Netzes und der Eröffnung neuer Postämter. Erste Routen entstanden in zwei Richtungen: Kabul – Peshawar im Süden und Kabul – Tashkurghan|Khulm im Norden – ein Meilenstein. Diese strukturelle Grundlage sollte später zur Geburtsstätte einer der charaktervollsten Markenserien Asiens werden.
Afghanistan 1876|1877 (Datum 1293) – Die berühmte Ferrary– Tapling-«Tausch»-Marke, bei der Tapling dieses Stück gegen die Mauritius Post Office 2d blau eintauschte (heute im British Library-Bestand). Der Reprint aus Peshawar 1880 war wohl zur Veräusserung an britische Offiziere des 2. Anglo-Afghanischen Krieges hergestellt worden. Nur zwei bis drei Exemplare sind bekannt, extrem selten.
Die ersten Marken: rund, kraftvoll und symbolisch
Die klassischen Ausgaben Afghanistans sind rund – ein Formmerkmal, das sich mit klassischen Ausgaben des indischen Subkontinents vergleichen lässt. Auffällig ist jedoch die ikonografische Erweiterung: Im Zentrum steht der Löwen- bzw. Tigerkopf, eine Anspielung auf den Namen Sher (Dari für «Löwe»), ein sprachliches Wortspiel, das in Hindi als «Tiger» gedeutet wird. Für muslimische Staaten ungewöhnlich, doch bewusst gewählt: ein Herrschaftssymbol, ein Porträt ohne Porträt.
Frühe Ausgaben zeigen ornamentierte Ecksegmente, die optisch an rechteckige Marken erinnern – später entfielen diese Elemente. Gedruckt wurde überwiegend auf indischem Papier, teilweise mit Wasserzeichen. Ungewöhnlich war auch die Mischung verschiedener Wertstufen auf einem Druckbogen, sogenannte «composite sheets», eine Herausforderung für moderne Philatelisten, aber auch eine Quelle für seltene Plattenfehler.
Für die Forschung wegweisend sind zwei Standardwerke, die bis heute unverzichtbar sind: D. G. Massons Plattenstudien (1908|1910) und Robert Jacks «The Postage Stamps of Afghanistan 1871–1900», in aktueller 2. Auflage.
Farben als Ortscodes – ein System ohne bekannte Logik
Zwischen 1873 und 1876 wurden Ausgaben in mehreren Farben verwendet, die vermutlich der Herkunftsbestimmung oder buchhalterischer Kontrolle dienten. So können die Marken verschiedenen Postämtern zugeordnet werden: Olivgrün = Kabul, Braunschwarz = Jalalabad, Grau = Peshawar und Lila = Tashkurghan|Khulm. Wichtig zu erwähnen ist noch, dass diese Marken ungummiert herausgegeben wurden. Eine einheitliche Entwertungspraxis in Form der Abstempelung bestand zu dieser Zeit nicht. Die Entwertung erfolgte häufig durch:
- Heraustrennen eines Markenstücks (oft im Bereich des Wortes mashul)
- handschriftlichen «Schwert»-Strich in Kabul
-roten Ölstempel (in Peshawar)
-Schriftzug «tamma» (in Tashkurgan)
Exporte nach Indien erforderten zusätzliche britisch-indische Marken – oder führten zu Nachporto.
Abdur Rahman – Stabilität, neue Ausgaben, neue Ästhetik
Nach Sher Alis Tod 1879 folgte ihm sein Sohn Yakub Khan als Amir von Kabul. Dieser war jedoch – trotz anfänglicher militärischer Erfolge – kurze Zeit darauf gezwungen, abzudanken und ins indische Exil zu gehen. Mit Abdur Rahman (Regierungszeit 1880–1901) begann eine Phase der Konsolidierung, welche auch die Wiederaufnahme postalischer Abläufe ermöglichte. Neue Markenausgaben wurden herausgegeben und das bekannte «Herrscherporträt» verschwand. Im Zentrum stand fortan die Wertangabe in Dari Schriftzeichen – funktional statt symbolisch.
Da die ursprüngliche Druckerei nicht mehr zur Verfügung stand, mussten alternative Wege zur Herstellung gefunden werden. Inspiriert von den Ausgaben verschiedener Feudalstaaten Indiens wurde ein Druck «handgestempelter» Marken auf Basis von Wasserfarben verwendet. Die Qualität schwankte stark, Bögen variieren in Anzahl und Anordnung der Marken (4 bis 178 Stück bekannt). Farbvarianten sind zahlreich, teils bewusst für Sammler produziert. Besonders die farbigen Papiere gelten als potenzielle philatelistische Ausgaben für den Markt, weisse Papiere dagegen für den Postalltag – eine Annahme, die weiterhin diskutiert wird.
Afghanistan 1876|1877 (Datum 1293) – Incoming Mail. Mischfrankatur auf indischem ½-Anna-Ganzsachenumschlag von Kaschmir nach Kabul, zusammen mit Kaschmir 1867 ½ Anna Ultramarin (ungezähnt). Einer von weniger als zehn bekannten «Dreifach-Kombinationsbriefen», seltenste kombinierte Frankatur mit korrekter Taxierung für alle drei Postverwaltungen und aussergewöhnlich seltene Verwendung der afghanischen Ausgabe auf Brief.
Afghanistan 1876|1877 (Datum 1293) – Shahi-Frankatur rückseitig auf Brief von Bhera (Indien) über Kabul nach Khulm|Tashkurgan in Kombination mit indischer ½-Anna-Marke in Blau von 1873 vorderseitig.
