Postgeschichte Glarner Hinterland
Von Paul L. Feser
Die Post macht einem die Freizeitbeschäftigung mit dem Abo auf die zahlreichen bunten Bildchen leicht.
Mehr Mühe bereitet es, die Marken aus dem vergangenen Jahrhundert zu beschaffen, und erst recht schwierig ist es, auch die einst und jetzt verwendeten Poststempel einer Gegend zusammenzutragen.
Um eine aussagehaltige Sammlung aufzubauen, braucht es Fleiss und Umsicht. Nebst einigen Moneten (die man sonst für Dümmeres ausgeben würde), hilft auch ein Quentchen Glück mit zum Erfolg. So hatte ich vor 20 Jahren per Zufall die Gelegenheit, mich mit dem noch unbekannten Gebiet der Glarner Poststempel vertraut zu machen:
Aus einem Nachlass konnte ich ein Album mit alten Glarner Briefen erwerben. Diese erinnerten mich an meine Vorvergangenheit, hatte doch mein Urgrossvater, Hauptmann Jacques Trümpy, zusammen mit Ratsherr Blumer aus Schwanden, seinerzeit die Weberei Sernfthal in Engi gegründet. So setzte ich mir das Ziel, der Postgeschichte meiner ursprünglichen Heimat nachzugehen und die Belege der Glarner Gemeinden systematisch zu sammeln. Daraus entstand ein umfangreicher Bestand an Marken, Briefen und Dokumenten.
Die schönste Sammlung aber nützt wenig, wenn sie im stillen Kämmerlein vor sich hinschlummert. Darum freut es mich, die vielen Freunde unserer Heimat mit einigen «Rosinen» meiner Sammlung bekanntzumachen. Zuerst ein kurzer Blick auf die Geschichte des Glarner Postwesens. Zu einer Zeit, als erst wenige Leute des Schreibens mächtig waren, haben obrigkeitliche Boten die spärlichen, aber umso wichtigeren Briefe an ihren Bestimmungsort getragen. 1677 wird erstmals ein Landbote nach Zürich und Weesen erwähnt; er war mit jährlich 11 Gulden besoldet. Wenig später erscheint der Glarner Bote mit eigenem Fuhrwerk von Glarus über Näfels, wo auch eine Annahmestelle für Poststücke war, bis Lachen - ab dort benützte er das Güterschiff bis Zürich. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde eine Botenverbindung mit St. Gallen errichtet. Da sie beim Stellen der Boten übergangen worden waren, beschlossen die Katholiken an ihrer Landsgemeinde vom 8. September 1766 die Schaffung eines eigenen Botendienstes nach Zürich und Weesen. So blieb es bis zum Franzoseneinfall.
Die Helvetik verstaatlichte und entwickelte 1798 das Postwesen, doch schon 1805 verpachtete die Landsgemeinde das Postmonopol an einen Postmeister, dem das Alleinbeförderungsrecht für Geld, Briefe, Päckli, Schachteln und Kistli zustand. Postmeister Aebly bezahlte dem Kanton dafür einen Zins von 1’400 Gulden. Jede Umgehung des Monopols wurde mit 10 Kronen Busse geahndet. Jeweils am Montag und Donnerstag mittags 12 Uhr startete die Post in Glarus, um nach 22 Stunden im Zürcher Posthaus anzukommen. 1817 wurde die Personenbeförderung mittels Diligence eingeführt. Nach dem Tod von Postmeister Aebly 1832 übernahm der Kanton das Postwesen. Die Postordnung vom 13. Oktober 1835 schuf eine tägliche Briefpostverbindung mit Zürich, setzte einen Postverwalter in Glarus ein und organisierte den Zubringerdienst aus dem ganzen Kanton - mit Ausnahme von Elm, wo man schon 1812 auf eine Ablage verzichtet hatte mit der Begründung: «Was Aufklärung und moralische Sachen belangt, sind wir an einem wilden Ort zu Hause und haben das nicht gerade nötig!»
Im Regierungsgebäude befand sich bis zur Brandnacht vom 10.|11. Mai 1861 das Postamt.
Jusqu’à 1861, le bâtiment administratif abritait la poste.
Dreifarben-Strubel-Frankatur von Glarus nach Neapel.
Affranchissement tricolore des Rappen de Glaris à Naples.
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«Die sämmtliche Correspondenz vom Hinterland überbringe und übernimmt der Schwandnerbot. Er hat die Pflicht, sich alle Morgen um 7 Uhr pünktlich in Glarus auf dem Haupt-Bureau einzufinden, wo ihm die Correspondenz für Mitlödi, Schwanden, das ganze Grossthal und die Gemeinden Matt und Engi übergeben wird. So wie er sie empfangen hat, reist er ab und soll 5 ⁄4 Stunden nach Ankunft der Post in Glarus in Schwanden eingetroffen seyn. In Mitlödi giebt er auf der Postablage die Correspondenz für diesen Ort im Durchweg ab.
Auf die Zeit seiner Ankunft in Schwanden (also halb 9 Uhr Morgens) trifft alltäglich der Bot für die Gemeinden des Grossthals, und ebenso vier Tage in der Woche, nämlich Sonntag, Dienstag, Mittwoch und Freitag der Bot von Mart und Engi in Schwanden ein, um theils mit sich bringende Briefe und Postgegenstände abzugeben, theils das in Empfang zu nehmen, was der Schwandnerbott für sie von Glarus aus überbracht hat. Der Bott des Grossthals, so wie der nach Matt und Engi, liefert die von dem Schwandnerbot empfangenen Briefe und Postgegenstände sogleich an die betreffende Adresse. Der Bot des Grossthals gehe über Nitfurn und Luchsingen nach Hätzingen und weiters und so Retour. In jeder Dorfschaft bezeichnet er ein Haus, wo die Briefe für ihn abgegeben werden können. Der Bot von Schwanden hinwieder kehrt im Laufe des Nachmittags, mit den aus Gross- und Kleinthal, so wie Schwanden eingegangenen Briefen, nach Glarus zurück und nimmt unterwegs die auf der Briefablage in Mitlödi vorhandenen Briefe mit. Er soll 5/4 Stunden, ehe nach Artikel 2 die Briefpost in Glarus verreist, von Schwanden abgehen, und sich so einrichten, dass er Sonntag, Dienstag, Donnerstag und freitags pünktlich ¼ vor 5 Uhr, Montag, Mittwoch und Samstag pünktlich ¼ vor 2 Uhr in Glarus eintreffen kann, und hat er die mit sich bringenden Briefe auf dem Haupt-Bureau sogleich abzugeben.
Für die Briefe und sonstigen Postgegenstände für die Gemeinde Elm, bleibt für einmal und bis auf weiters, die dermalige Einrichtung bestehen. Die Ortschaften Schwändi, Thon, Sool und Hasslen liefern ihre Briefe auf die Brief-Ablage nach Schwanden, wo die Briefe von allen den Gemeinden und Ortschaften, die dahin gehören, ¼ Stund vor Abgang des Boten nach Glarus abgegeben seyn müssen.»
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Postordnung von 1835 für das Hinterland, etwas kompliziert, aber durchaus logisch.
Règlement postal de 1835 pour l’arrière-pays de Glaris, quelque peu compliqué, mais tout à fait logique.
Briefkästen schon 1835
Im Glarnerland kannte man bereits die Einrichtung von Briefkästen, heisst es doch schon 1835: «Bei jeder Brief-Ablage in den Gemeinden, soll der Besorger ein verschlossenes Kästchen unterhalten, welches zu einem Brief-Einwurf eingerichtet ist und alle zur Versendung abgegebenen Briefe, sollen in dasselbe gelegt und nicht herum liegen gelassen werden.»
Überall mussten die Posttarife angeschlagen werden. Das Porto für einen «einfachen Brief» betrug im Kantonsinnern und in die March 2 Kreuzer, nach Zürich 4 Kreuzer. Für Chargé bezahlte man das Doppelte; eine Tageszeitung kostete jährlich 4 Gulden 30 Kreuzer an Porti. Da es erst ab 1850 Briefmarken gab, wurde die Gebühr in bar entrichtet oder sehr oft vom Empfänger erst am Ankunftsort bezahlt. Die Portotaxe wurde in der Regel mit Rötel oder Tinte gut sichtbar auf dem Poststück angebracht.
Die Bevölkerung des Kantons Glarus stieg von 1803 bis 1900 lediglich von 29’000 auf 32’000 Einwohner an. Der industrielle Aufschwung, insbesondere im Textilbereich, brachte aber doch eine starke Zunahme des Postverkehrs. Briefe aus dem Glarner Hinterland gingen um die ganze Welt. So finden sich etwa im Ausland noch öfters Belege mit dem Absender «J. & M. Legler, Diesbach (Glarus)». Umgekehrt fanden auch vereinzelte Auswanderergrüsse den Weg in die alte Heimat. Leider hat man früher den Inhalt meist nach einigen Jahren verbrannt, nur die Marke wurde ausgeschnitten und aufbewahrt.
So sind wir um unzählige, zeitgeschichtlich aufschlussreiche Dokumente ärmer. Seit 1895 kamen die Ansichtskarten in Mode, heute Bildzeugen aus vergangener, rasch sich wandelnder Zeit.
Unsere Chronik des Postgeschehens bedarf noch der Erwähnung der folgenden Marksteine: Ab 1846 befuhr täglich eine Postkutsche den Weg nach Linthal und zurück. 1879 machte sie der Eisenbahn Platz. 1893 bis 1899 erfolgte der Bau der Klausenstrasse. 1907 nahm die Drahtseilbahn nach Braunwald ihren Betrieb auf. Im Herbst 1921 trabte die letzte Pferdepost über den Klausen. Das Sernftal hatte sein «Eisenbahnzeitalter» von 1905 bis 1969.
Reiche Vielfalt an Poststempeln
An Formen und Farben der Poststempel ist das Glarnerland ungewöhnlich reich. Seit der Helvetik bis 1835 besass lediglich das Hauptbüro in Glarus einen Stempel; er war nach französischem Muster geformt und gab auch Monat und Tageszeit französisch an. Im Hinterland finden wir die frühesten Poststempel 1842 in Schwanden und Diesbach, gefolgt 1843 von Mitlödi und 1844 von Matt, immerhin auch schon 1846 von Elm und erstaunlicherweise erst 1853 von Linthal.
Für zwei Dörfer zuständig war kurioserweise die Bezeichnung «Kleinthal», kurze Zeit auch als «Matt & Engi C.G.» gestempelt. Erst seit 1898 gibt es einen Poststempel von Braunwald, zuerst allerdings nur als Ablage. Als einzige politische Gemeinden im Kanton Glarus haben Betschwanden (seit 1973) und Leuggelbach (seit 1979) keine Poststelle mehr - ein Zeichen betrieblicher Rationalisierung. Nur vorübergehenden Bestand hatten auch die Stempelorte Stachelberg, Fruttberg, Tierfed und Limmerenboden, allesamt auf Gebiet der Gemeinde Linthal. In Sool, das 1970 zur «Postagentur» zurückbefördert wurde, gibt es zwar noch einen Ortsstempel, doch erfolgt die Zustellung eingehender Postsachen direkt von Schwanden aus.
Nebst den von der Post verwendeten Stempeln habe ich auch jene der Bahnstationen, der Armee (Feldpost), von Amtsstellen und Institutionen mit Anrecht auf Portofreiheit sowie auch von privaten Gasthäusern, SAC-Hütten und Ferienhäusern, die natürlich nicht zur Entwertung von Marken, sondern nur zur Bekundung dortiger Anwesenheit dienen, in meine Sammlung aufgenommen. Die postalischen Stempel erweitern sich um sog. Kurort-, Flaggen- und Sonderstempel zu bestimmten Anlässen. Fällt ein Stempel wegen Defekt aus, schickt die Kreispostdirektion IX in St. Gallen gleich einen sog. Aushilfsstempel, den man an seiner rechteckigen Form erkennt. Eine ähnliche Form haben die Stempel der Bahnstationen. Kleine achteckige Telegrafenstempel sind von Mitlödi, Sool und Schwanden bekannt.
Eine Zäsur von «historischem» Gewicht bildete 1964 die Einführung der Postleitzahlen. Damals wurden alle auf den Büros noch vorhandenen alten Stempel - einzelne hatten fast ein halbes Jahrhundert ihren Dienst versehen - eingezogen und in Bern archiviert.
Stempel aus dem Glarner Hinterland.
Cachets provenant de l’arrière-pays glaronais.
Quellen
Text: «Neujahrsbote für das Glarner Hinterland» vom Jahre 1983, Zusammenfassung: Christina Rölli, Idee: Peter Müller
Philatelistische Abbildungen und Tabelle Gemeindereform auf www.briefmarkenzeitung.ch: Rölli Auktionen AG
Lithografie Regierungsgebäude: Landesarchiv Glarus
Eine Aufstellung der Glarner Gemeindereform von 2010|2011 finden Sie auf www.briefmarkenzeitung.ch.
Vous trouverez une liste des réformes communales réalisées dans le canton de Glaris en 2010|2011 sur www.briefmarkenzeitung.ch.
